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  • sandrajoerimann

warum wir alle mehr wagen müssen

Ich würde mich selbst als überaus dankbaren Menschen bezeichnen. Vielleicht erscheint dies nicht immer so, weil ich mich nicht unbedingt damit zufrieden gebe, was ich habe. Dankbarkeit verstehe ich in diesem Fall aber nicht im Sinne von Genügsamkeit.


Wir alle sind extrem privilegiert. Ja, jeder von uns. Dabei ist es egal, ob der Nachbar das grössere Auto oder der Chef drei grössere Autos besitzt. Wir leben in Freiheit. Wir besitzen die Freiheit, uns auszuprobieren, uns unsere Zukunft so zu gestalten, wie wir sie uns zur Erfüllung unseres Glücks vorstellen. Die Freiheit, hinzufallen und wieder aufzustehen. Die Freiheit, jeden Tag etwas so richtig Dummes zu tun. Die Freiheit, die Welt zu verändern. Zumindest die eigene.


Gleichzeitig verbarrikadieren wir uns hinter der Sicherheit unserer Festanstellung, den Normen der Gesellschaft, der Sicherheit an sich. Wir denken, wenn wir einmal vom Kurs abkommen, kommen wir nie mehr zurück in die Spur. Wir denken, wir beschwören den Totalverlust herauf, den SuperGAU, das absolute Ende der Welt, wenn wir uns an unser Herzensprojekt wagen und daran scheitern sollten. Wir vergessen, wie behütet wir sind, und realisieren nicht, wie wenig uns eigentlich geschehen kann.


Vielleicht ist gerade dies das Problem: Wir leben seit Jahrzehnten in Frieden und Sicherheit. Wir kennen es nicht anders. Wir verstehen es nicht, ungleich Generationen vor uns, von Tag zu Tag zu leben. Wir wissen nicht, wie es ist, wenn am nächsten Tag das Haus des Nachbarn nicht mehr steht. Wir haben unsere Resilienz verloren, wenn wir sie denn einst besassen. Was geschieht, wenn sich etwas in unserem Leben nicht der Norm entsprechend verhält? Wir verlieren die Vorstellungskraft, dass einmal etwas schief gehen und wir es überleben könnten. Oder aber wir würden es nicht überleben. Die meisten Leute wüssten gar nicht, wie mit einem Verlust oder einem Reinfall umzugehen.


Jede Woche, jedes Jahr das gleiche zu tun, die Illusion zu haben, dass man etwas erreicht, weil man jedes Jahr ein bisschen mehr verdient, einen sicheren Job hat, auf eine 25-Jahres-Prämie zuarbeitet; das bedeutet Sicherheit für uns. Doch Sicherheit ist der eigene Fallstrick selbst. Man bringt sich selbst zu Fall. Man erreicht nichts. Man beerdigt seine eigenen Ambitionen unter der Freude am Lob des Chefs, seine Träume unter der Prämie am Ende des Jahres, seine Kreativität unter der Aussicht auf die Beförderung. Nebenbei wird das Wort Selbstverwirklichung mittlerweile fast schon inflationär benutzt, ohne dass wirklich jemand danach handelt. Selbstverwirklichung ist nichts, wofür man den eigenen Job riskiert, denn das geht dann doch zu weit. Selbstverwirklichung ist etwas, was man sich in Form von dekorativen Sprüchen à la "Lebe jeden Tag, als wäre es dein letzter" in Ikea-Rahmen eingepfercht an die Wand hängt und nicht merkt, wie man Träume und Ambitionen wortgewandt beerdigt, um das Ego zu beruhigen und sodann weiter dem Trott des Alltags zu folgen. Wieso? Weil das Lesen der Zitate alleine schon dasselbe Gefühl hervorrufen kann, das man hat, wenn man tatsächlich etwas erreicht hat.


Wieso auch nicht? Schliesslich wird einem von der Gesellschaft weissgemacht, dass das der einzige mögliche, der einzig sozial akzeptierte Weg ist. Schule, Uni, Praktikum, Job, Beförderung, Chefposten. Beziehung, Verlobung, Heirat, Kinder, Haus. Bitte in dieser Reihenfolge. Ein lineares Leben ist ein perfektes Leben.


Mein Leben verläuft nicht linear. Entweder es ist etwas falsch mit mir oder es ist etwas falsch mit euch. Mit einem von uns jedenfalls muss etwas falsch sein, es gibt schliesslich nicht zwei Wahrheiten.


Wer hat uns eigentlich beigebracht, dass es nur einen richtigen Weg und eine richtige, eine einzige Richtung gibt? Wir leben nach Regeln, von denen ich mich manchmal frage, wer sie denn eigentlich aufgestellt hat. Wer sie legitimiert. Bestimmt der Nachbar darüber, ob mein Leben so erlaubt ist.? Der Nachbar, der nach Standards urteilt, die er nicht hinterfragt, aber als einzig möglich ansieht? In der Jugend ist "vom Weg abkommen" noch erlaubt. Als Erwachsener nicht mehr, da nennt sich das Ganze dann Midlife- resp. Quarterlifecrisis und gilt zu überwinden, bitteschön, auf dem Weg zum höheren Selbst, was in diesem Fall heisst, zurück in die Spur.


Sich verwirklichen, aber bitteschön immer im Rahmen des Vorstellbaren, zulässigen, sozial akzeptierten.

Sich verwirklichen, und zwar anständig, überkorrekt und schweizerisch zurückhaltend.

Sich verwirklichen, am liebsten schön umschrieben, nach Leitfaden und konform zur Stellenbeschreibung (und zum Kalenderspruch).

Sich verwirklichen, und zwar mit so wenig externen Kosten wie möglich, so dass der Nachbar und der Verkäufer am Kiosk sich auch nicht gestört fühlen.


Dabei sind wir es uns selbst schuldig, uns auszuprobieren. In einer Gesellschaft, die uns so viele Möglichkeiten gibt, sind wir es der Welt schuldig, es zu versuchen, an unsere Grenzen und darüber hinaus zu gehen, unser Potenzial zu erkunden. Weil wir es können. Weil nämlich wir die Privilegierten sind. Weil nämlich wir die kleine Gruppe Glückspilze sind, denen die ganze Welt offensteht. Handeln wir entsprechend. Meine Grossmutter hat mir beigebracht, aufzuessen, weil es Menschen auf der Welt gäbe, die nicht so viel zu essen hätten wie wir. Seien wir dankbar. Dankbar für die Möglichkeiten, die wir haben, und nutzen wir sie, denn es gibt Menschen auf der Welt, die nicht so viele Freiheiten haben wie wir.

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